die wirklichkeit von der sie alle reden

Blog-Beiträge bei die wirklichkeit von der sie alle reden

01.04.2020 12:06

virale Bildstörung

“Die dürfen doch gar nicht so dicht zusammensitzen”, dachte ich noch, da fiel mir ein, dass der Film ja schon vor Jahren gedreht wurde. Man hat jetzt immer die Corona-Brille auf, was ein bisschen beim Filmgucken stört, welches mithin eines der letzten kulturellen Vergnügen geblieben ist.Schnitt. Dicht gefüllte Bar. Der reinste Virenbrutkasten.Später kommen bestimmt noch hoch infektiöse Bettszenen. Schnitt. Der einzige, der Mundschutz trägt, ist der Bankräuber. Er erntet eine Sympathie, die Regisseur und Drehbuchautor sich nie träumen ließen.Alle Filme sehen jetzt anders aus. Wie infiziert.Auch die Filme über Virus-Epidemien sieht man anders. In Seuchenfilmen sterben die Leute meist postwendend oder verwandeln sich in Zombies. Da haben wir es wohl vergleichsweise noch gut.“Contagion” ist der Wirklichkeit am nächsten. Es ist die verfilmte WHO-Warnung vor einer Pandemie, wie sie schon lange überall mit artiger Besorgtheit schubladiert worden war. Auch hier reicht die Phantasie, wie so oft im Kino, nicht an die Wirklichkeit heran. Im Film (von 2011) halten die Leute selbst im hochalarmierten Zustand meist viel zu wenig Abstand oder treffen sich in Cafés. Zum Schluss sieht man aber, wie eine Fledermaus alles in Gang setzt. In China.Obwohl keiner im Film Zombie wird, ist die starbesetzte Geschichte packend und wird zu Recht gerade jetzt fleißig gestreamt. Zu den vielen Wahrheiten, die die Krise ans Licht bringt, gehört auch, dass die Wirklichkeit weitaus ergreifendere Geschichten erzählt als ein Rudel bekiffter Drehbuchautoren.Wird man Corona verfilmen? Sammelt wenigstens jemand Dokumentarfilmmaterial?Die Geschichte wird eine wichtige Überlieferung werden.Aber vielleicht wird man diese Filme in ferner Zukunft auch wieder durch eine Brille sehen, die heute noch im Etui der Möglichkeiten schlummert. 

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29.03.2020 12:18

Die einzige Schule, die offen hat

Es ist ein Gleichnis.Seit Skype salonfähig geworden ist für Fernsehinterviews, bekommt man nebenher viele intime Einblicke in Wohnlandschaften. Nicht jeder befragte Experte hat ein immer passendes Bücherregal hinter sich. Man sieht manchmal unaufgeräumtes Geschirr, schief aufgebaute Möbel oder neulich, bei einem Bundestagsabgeordneten, sogar ein Selbstporträt an der Wand. Kurz: man sieht die Wirklichkeit statt eines kunstvoll illuminierten Studios.Das Virus zeigt die Wirklichkeit: das marode Gesundheitssystem der USA oder die Ausbeutungsverhältnisse, wenn einem reichen Paar in Rio die Haushaltshilfe aus den Favelas stirbt, die es selbst nach der Rückkehr vom Skiurlaub aus Italien angesteckt hat.Das Virus zeigt, wie weit Empathie für andere wirklich vorhanden ist - vorher ließ sich das nur erahnen oder schön beteuern.Das Virus zeigt die wirtschaftlichen Abhängigkeiten und Überflüssigkeiten, auch, wie nebensächlich vieles ist, das Kunst und Kultur mit großem Ernst verhandelt haben.Es zeigt deutlich, dass Populismus inkompetent ist.Es setzt die Wissenschaft in den Rang, der ihr zusteht und etwa in der Klimadiskussion ungenügend gewährt wurde.Covid-19 ist eine grausame Lehrerin.Aber wir mussten ja nachsitzen.

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27.03.2020 17:58

Gesicht zeigen war mal

Die immer häufiger aufgesetzte Atemschutzmaske zeigt ja nun nicht mehr den Gesichtsausdruck.(Von aufgerissenen Augen abgesehen).Bei Chinesen war das Verdecktsein der Lippen nie ein Problem. Da wusste man ja: die lächeln immer.Jedoch bei den Deutschen ist das noch lange nicht raus!Eher vermutet man hinter der Gaze den ewigen mürrischen Flunsch, den Deutsche im allgemeinen so ziehen, auch, wenn sie sich wohl fühlen.Fremde fürchten beim Regelanblick eines Deutschen stets, dass er gerade enterbt wurde, von der infizierten Tante.Lächeln war bei uns meistens dort anzutreffen, wo es dem Personal auf intensiven Marketingworkshops mühsam antrainiert worden war.Meistens aber gab es Flunsch.So gesehen verschönern die Atemschutzmasken uns enorm!

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27.03.2020 09:24

Goethe und Schiller mal positiv getestet

In den gestrigen TV-Talkrunden hatte man den Eindruck, dass dem Corona-Virus eine knallharte Frist gesetzt ist: Osterferien. Dann Ende Gelände, kleines Biest! Dann wollen wir aber wieder raus! Wir sind jetzt schon sooo lange, fast eine geschlagene, verdammte Woche folgsam, aber länger können wir nicht der heiligen Freiheiten entbehren. Die Freiheitsliebe zeichnet uns aus als von der Fackel der Aufklärung erleuchtet. In sie kleiden wir gern unseren Eigensinn und die Ungeduld.Goethes Osterspaziergangsschwelgen “Aus dem hohlen finstern Tor dringt ein buntes Gewimmel hervor” hatten wir schon im Schulaufsatz als Erweckung des aufgeklärten Bürgers interpretiert. “Ich höre schon des Dorfs Getümmel, Hier ist des Volkes wahrer Himmel, Zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!” Ja, und nun soll ich nicht dürfen? Was is’n das für’n Ostern? Ostern ist leitkulturtechnisch Auferstehung und nicht verhandelbar.Leider ist, wie durch die lästigen, aber für eine TV-Spezial nun mal unvermeidbaren Experten rasch klar wird, eine Epidemie kein Kurztrip und keine Schnupper-Passion oder einer dieser schnellen Theaterabende, die darauf getimt sind, rechtzeitig an die Bar zu kommen. Wir sind noch nicht im letzten Akt, wenn die Schrecken so heftig werden, dass niemand mehr Goethefreund Schiller mit  “Freude, schöner Götterfunken!” über die Lippen bringen mag. Ich empfehle da schon vorsorglich andere Passagen der “Ode an die Freude”: mehr so hinten raus heißt es da “Duldet mutig, Millionen! Duldet für die beßre Welt! Droben überm Sternenzelt Wird ein großer Gott belohnen.” Letztere Zusage hatte Schiller natürlich nicht schriftlich. Auch ist bis jetzt nicht im mindesten die Befolgung der Zeilen “Unser Schuldbuch sei vernichtet! Ausgesöhnt die ganze Welt!” zu beobachten. Aber es gehörte zum Kontext von Freude. Billiger gibts die nicht.

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25.03.2020 08:55

Wortglauberei

Der sprachliche Ausdruck ist die Atemschutzmaske vor dem Entsetzen.Die Maske lässt nur Begriffe hindurch, die die technische Handhabbarkeit der Krisensituation beschreiben, auf keinen Fall aber ein Ausgeliefertsein wie in alten Zeiten, da Krankheiten als Gottes Landstrafe wüteten."Wüten" wäre auch gleich eines jener Sprach-Partikel, welche die Maske nicht durchlässt, ebenso das "Grassieren", auch wenn die Zahl der Todesopfer besorgniserregend steigt. Tabu ist ebenso der Begriff “Seuche”. Er kommt von “siech”, trägt aber den alten, ohnmächtigen Schrecken auf dem Bedeutungsbuckel und wird deshalb nicht verwendet, höchstens im konstruktiven “Seuchenschutz”.Furcht und Schrecken machten im Mittelalter auch kreativ. Die Seuche Pest wurde poetisch überhöht als “der schwarze Tod”, ein Titel, der Genesung von vornherein ausgeschlossen hat. Seit wir wissen, dass Mikroorganismen die Täter sind, gibt es keine lyrischen Titel. Auch Negativheldentum muss verdient werden durch das unfasslich Herrschende. Damit ist es zum Glück aus.Es verbietet sich heute auch zu sagen, dass Menschen “dahingerafft” werden. Das Wort unterwirft sich ebenso einer unbezähmbaren Gewalt wie das der “Plage”, welcher man von vornherein unterliegt.Das Vermeiden all dieser unterwürfigen Vokabeln ist ein klingendes Bekenntnis zur Beherrschbarkeit der Lage. Der wesentliche Unterschied des modernen Menschen zu seinen Ahnen. Und hoffentlich berechtigt.*P.S. Eine Floskel gruselte mich gestern, als ich davon las, dass das Corona-Virus “in aller Munde” sei. Das wollen wir nicht hoffen.

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24.03.2020 09:27

Zuviel Nichtstun

Ein Gespenst geht um in Europa: der zuhause bleibende, nichts produzierende und wenig verbrauchende Mensch.Eigentlich ist er friedvoll. Er lässt sein Verbrennungsauto stehen, scharrt nicht noch mehr Dinge um sich, richtet keinen Schaden in der Umwelt an, tut keiner Selle was zu Leide.Aber er stellt nichts her.Und das geht gar nicht. Selbst wenn niemand das Hergestellte jetzt überhaupt benötigen würde. Egal. Die Börse ist entsetzt. Das Leben, erinnert sie grell, ist nicht zum Leben da!Viele Milliarden Euro braucht es jetzt schon, den Schaden, den der Stille Mensch verursacht, einigermaßen abzufangen. Sollte er noch lange bescheiden und zurückgezogen leben, trüge er ebenso Schuld am Weltuntergang wie die Krankheit.Ich habe das Haus seit Freitag nur zu kontaktlosen, meditativen Spaziergängen in den Wald rund um unser Dorf verlassen. Zuhause angekommen, sehe ich im Fernsehen, dass die Besorgnis über mich und unsereins wächst. Der Anleger ist verunsichert. Sollte er mal im Wald spazierengehen?Dass ich gebraucht werde, ist für mich bei alledem nicht so recht zu spüren, denn aus Einsparungsgründen ist mir vor wenigen Wochen von meinem Arbeitgeber zum Herbst ohnehin gekündigt worden. Jeder Mensch kann außerhalb seines Zuhauses schnell zuviel sein. Die gebraucht werden hingegen, dürfen nicht weniger werden - die Zahl der benötigten Menschen ist definiert und verträgt das personaltechnische Herumpfuschen durch einen Virus nicht.Es wäre für die Wirtschaft, wie es aussieht, übrigens noch viel, viel schlimmer, wenn wir nichts essen müssten und keine Heizung brauchten. Dann wären wir alle völlig wertlos. Ob es solche Planeten gibt?

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22.03.2020 23:53

In Zeiten von Floskeln

Könnte jetzt noch ganz schnell ein winziges Floskelverbot nachgereicht werden? “In Zeiten von Corona” verklebt mittlerweile die Ohren.Floskeln verbreiten sich ja genauso wie Viren. Sie befallen gesunde Sprachschätze und höhlen sie aus, um sich selbst inflationär zu vermehren.Das Ergebnis ähnelt häufiger Covid-Symptomatik: man schmeckt nichts mehr. Das Empfinden stumpft ab. Und damit sollte man gar nicht erst anfangen.

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21.03.2020 10:13

Der unbekannte Designer des Horrors

Wo werden eigentlich diese bunten Corona-Fotomodelle gebastelt, die bunten Kugeln mit den vielen roten Einstecktüchlein?Die wenigen Fotos, die es von Coronaviren aus Elektronenmikroskopen gibt, lassen zwar kranzartige Stulpen auf einer Kugelform erahnen. Aber so dekorativ rot stechen die nicht heraus.Rot ist die Alarmfarbe, sagte sich bestimmt der Virenmodellgestalter. Dann schnippelte er kleine rote Stoffetzen zurecht, die aus der Stuhllehne eines stillgelegten Opernhauses stammen könnten und steckte sie in einen Grießkloß aus dem jüngsten Hamsterkauf.Wie auch immer er heißt, der Schöpfer unseres Bildes vom Virus - er hat eine Bildikone des 21. Jahrhunderts erschaffen. Ganz gleich, wie das Biest tatsächlich aussieht.

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20.03.2020 08:22

Wer erleuchtet die Bäckersfrau?

Wir brauchen Autoritäten!Die Bundeskanzlerin übt, wie ich gerade feststellen musste, nicht den geringsten Einfluss auf die Bäckersfrau bei uns im Dorfe aus.Jedem in der kuschligen Schlange drückt sie mit barer Hand das Wechselgeld in die bare Hand. Als ich darauf bestehe, sie nicht zu berühren, ernte ich das muntere, mich heute jedoch nicht ansteckende Bäckerinnenlachen, das sie seit eh und je im Laden verströmt.Das Wechselgeld muss ich leider vom Teller nehmen, weil ich es wohl noch brauche, und desinfiziere es draußen. Ich bin ja einer dieser Hysteriker über 60 mit Asthma, die anmaßender Weise dieses Jahr überleben wollen.Wer sagt der Dame, frage ich mich konstruktiv, dass es Ernst ist? Auf wen hört sie noch?Könnte womöglich einer der auf mich freilich heillos inkompetent wirkenden jungen Ärzte in der Vorabendserie mal was Aufklärendes sagen statt mit der Nachtschwester zu flirten? Muss gar eine neue Staffel der “Schwarzwaldklinik” her?Oder sollte Helene Fischer jetzt einen Corona-Aufklärungsschlager loslassen? Atemlos durch die Nacht 2.0.? Es ist Zeit für harte Maßnahmen.

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